Die Sache mit der Rechtfertigung

Die Sache mit der Rechtfertigung
Papst Franziskus hat 2016 zum „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen und zu
diesem Anlass das Goldene Tor in Rom geöffnet. Mit dem Durchschreiten des Tores werden
mir (nach Beichte und Kommunion) alle Sünden erlassen, lehrt die römisch-katholische
Kirche. Wie bitte? Haben wir da richtig gehört? Seelenrettung als Geschäft von Leistung und
Gegenleistung?! Nach Rom pilgern, dort ein Ave Maria und ein Vaterunser beten, und meine
Sünde ist abgebüßt – ist das nicht genau der Ablasshandel, gegen den Martin Luther so
gewettert hat?
Da sind wir evangelischen Christen doch ein ganzes Stück weiter, denken wir
selbstzufrieden. Wir haben es nicht nötig, uns mit guten Werken den Himmel zu erkaufen.
Wir müssen nur glauben, dass Christus uns erlöst hat, indem er für unsere Sünden den
Kreuzestod gestorben ist, und sind damit vor Gott gerecht. So einfach ist das – oder?
Abgesehen davon, dass die Geschichte mit dem Sühneopfer komplizierter ist, als es
zunächst klingt („Braucht“ Gott wirklich ein Menschenopfer? Hat nicht eben dieser Gott
bereits mit Abraham Menschenopfer ein für allemal abgeschafft?) – ist das mit dem Glauben
so eine Sache. Denn was ist, wenn ich einmal nicht glauben kann? Wenn mich Zweifel
überfallen? Wenn ich so verzweifelt bin aufgrund eines persönlichen Schicksalsschlags oder
angesichts des grauenvollen Geschehens, das sich immer wieder in der Welt abspielt, dass
ich an diesen gnädigen Gott einfach nicht glauben kann – bin ich dann verloren? Ist der von
mir „zu leistende“ Glaube damit nicht an die Stelle der oben genannten Werke getreten, und
ich bin womöglich schlechter dran als vorher?
Schauen wir uns einmal genauer an, was es mit der Rechtfertigungslehre auf sich hat - bei
Luther, bei Paulus und bei Jesus.

Luther: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?
Luthers Gottesbild war geprägt von den Erfahrungen seiner Zeit. Krankheiten wie die Pest,
Unfälle oder Kriege konnten dem Leben jederzeit ein Ende setzen. Die Kindersterblichkeit
war hoch. Hinzu kam, dass Luther unter einem strengen Vater litt, dem er es nie recht
machen konnte. So war auch Gott für ihn kein liebevoller Vater, der für seine Kinder sorgt,
sondern eher ein unerbittlicher, fordernder und strafender Herrscher, der nie zufrieden
war.
Als er dann bei Paulus las, dass „der Gerechte aus Glauben lebt“ und wir uns Gottes Liebe
und Vergebung nicht erst verdienen müssen, bedeutete das für ihn eine unsagbare
Befreiung von einer Last, die ihn zu erdrücken drohte. „Da begann ich die Gerechtigkeit
Gottes ... (die er zuvor als strafenden Urteilsspruch über unsere Sünden gefürchtet und
nach eigener Aussage „gehasst“ hatte), zu verstehen ...“, nämlich als „ein Geschenk Gottes“,
schreibt Luther. Und weiter: „Da hatte ich das Empfinden, ich sei geradezu von neuem
geboren und durch geöffnete Tore in das Paradies selbst eingetreten“. Dieses Geschenk
Gottes brauchen wir nur gläubig und vertrauensvoll anzunehmen – mehr wird von uns
nicht verlangt. „Denn wer sich durch das stellvertretende Leiden und Sterben Christi so
beschenkt weiß, der muss seine Freude und Dankbarkeit einfach zeigen, indem er sie mit
anderen teilt und seinen Glauben in der Liebe zu seinen Mitmenschen Gestalt werden lässt.
Daraus entspringen ganz von selbst die guten Werke der Liebe, mit denen ich mir also nicht
die Erlösung und das Heil verdienen muss – denn ich bin ja bereits erlöst! – sondern die
eine Folge meiner Erleichterung und Dankbarkeit sind. „Weil mir die Sorge um mein
Seelenheil abgenommen ist, kann ich mich ganz dem anderen widmen.“ (E. Öffner)
Würde ich diese Erfahrung nicht in meinem Verhalten und meinen Beziehungen zu anderen
wirksam werden lassen, wäre ich wie der „Schalksknecht“ in Matth. 18, 23 – 35, der seine
Schuldner gnadenlos ins Gefängnis werfen lässt, obwohl ihm selbst doch gerade erst die
eigenen Schulden erlassen worden sind; das heißt, ich würde mich in äußerstem Maße als
undankbar erweisen, als jemand, der die ihm erwiesene Gnade gar nicht verdient hat.

Paulus: Christsein heißt Freiheit vom Gesetz
Geht es für Luther bei der Rechtfertigung „allein aus Gnade“ um die Befreiung von
quälenden Selbstzweifeln und zermürbenden Bußübungen („ich hätte mich, wenn es noch
länger gewährt hätte, zu Tode gemartert mit Wachen, Beten, Lesen und anderer Arbeit“,
erklärt er), steht für Paulus die Befreiung „vom Gesetz“ im Vordergrund. Es geht um die
Frage: Sollen für die Heidenchristen, also die Griechen, Makedonier und Römer, die gleichen
Lebens- und Verhaltensregeln gelten wie für fromme Juden? Vor seinem Bekehrungs- und
Berufungserlebnis hatte Paulus als Schriftgelehrter die Thoragesetze selbstverständlich
genauestens befolgt und unnachgiebig bei anderen eingefordert. Nun erkennt er, vielleicht
auch durch seine Missionsreisen und die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, dass es
eigentlich unmöglich ist, sämtliche Bestimmungen - von den 10 Geboten über die
Beschneidung bis hin zu den immer komplizierter gewordenen Speisegesetzen - in jeder
Lebenslage buchstabengetreu zu erfüllen. Mehr noch – Paulus wird klar, dass eben diese
Gesetze, mit denen er aufgewachsen ist, zu Fesseln und Barrieren werden können, die einer
freien und liebevollen Beziehung zu Gott, dem Vater, zu seinem Sohn Jesus Christus und zu
unseren Mitmenschen im Weg stehen können. Indem sie Schranken zwischen den
Gesetzestreuen und den anderen Menschen aufrichten, indem sie uns dazu verleiten, uns
für etwas Besseres zu halten (siehe das Gleichnis vom Pharisäer und dem Zöllner) und zu
meinen, wir könnten uns selbst erlösen und gerecht sprechen.
Vor allem aber versperren uns all die religiösen Regeln und Gebote die Sicht auf Gott als
den liebenden Vater und lassen die freiwillige Hingabe Jesu als sinnlos erscheinen. Christus
hat aber doch gerade, indem er sich zum „Sündenbock“ machen ließ, unsere menschlichen
Vorstellungen von Strafe und Sühneopfer gewissermaßen ad absurdum geführt, damit wir
endlich begreifen, dass Gott nicht unser Leben, sondern unsere Liebe will.

Jesus: Barmherzigkeit ist gelebte Rechtfertigung
Denn Gott hat bereits zu Anbeginn der Schöpfung, indem er die Welt und uns Menschen „zu
seinem Bilde“ schuf, d.h., als seine Kinder und sein gleichwertiges Gegenüber, Ja gesagt zu
uns. Indem er uns das Leben schenkt, bejaht er uns, so, wie wir sind – mit all unseren
Fehlern, Schrullen, Widersprüchen, doch auch mit unseren Begabungen und Möglichkeiten.
Das ist die Botschaft, die Jesus mit seinem ganzen Leben unermüdlich - bis in den Tod und
über den Tod hinaus - verbürgt und verkündet: Das wir alle, jeder Einzelne von uns, und sei
er noch so verachtet oder auf Irrwege geraten, Gottes geliebtes und von ihm
angenommenes Kind ist. „Jesus hat nicht Rechtfertigung gelehrt“, schreibt Ernst Öffner. „Er
hat Rechtfertigung gelebt in der Gemeinschaft mit den Sündern und Zöllnern. Er hat
Rechtfertigung praktiziert in der Wahrnehmung der gottgeschenkten Würde jedes
Menschen und im Zuspruch der Vergebung. Er hat Rechtfertigung erzählt in seinen
Gleichnissen. Er hat Rechtfertigung bezeugt in seinen Heilungen gelähmter, am Leben
behinderter Menschen. Jesus Christus ist in seiner Person die Rechtfertigung des Sünders
´allein aus Gnaden´- ohne eigenes Verdienst. Rechtfertigung im Vollzug.“ (E. Öffner, S. 184)
In und durch Jesus erfahren wir unser Verhältnis zu Gott als eine vertrauensvolle
Beziehung zwischen Kindern und einem liebevollen Vater. In diesem Sinne ist in Jesus
Christus „das Wort Fleisch geworden“, nämlich das „Ja der Liebe“ Gottes zu uns. Eine Liebe,
die wir uns nicht erst verdienen müssen, sondern die uns von vornherein geschenkt wird
und die wir nur noch dankbar und glaubend annehmen müssen. Und was wäre in der
Freude unseres Herzens über dieses Geschenk natürlicher als das Bedürfnis, etwas von
dieser Liebe weiterzugeben an unsere Nächsten, also an alle, die unserer Liebe und
Zuwendung besonders bedürftig sind?
Nichts anderes hat übrigens auch Papst Franziskus mit der Ausrufung des „Heiligen Jahres“
im Sinn. Indem die geöffnete Goldene Pforte uns an Gottes Erbarmen mit uns, an unseren
„Schuldenerlass“ (siehe das Schalksknecht-Gleichnis) erinnert, mahnt sie uns, barmherzig
zu sein gegenüber denen, die auf unsere Barmherzigkeit angewiesen sind. Diese Mahnung
erscheint heute, wo Hunderte von Flüchtlingen in Lagern dahinvegetieren, vor Grenzzäunen
verzweifeln, im Mittelmeer ertrinken, aktueller und notwendiger denn je.

(Entscheidende Anregungen und Erkenntnisse dieses Beitrags verdanken sich einem
Aufsatz des früheren Regionalbischofs von Augsburg, Ernst Öffner, über: Gelebte
Rechtfertigung. Die Rechtfertigungsbotschaft für heute übersetzt. Aus: Evangelisch ist auch
katholisch, 2008)